Es scheint in der Natur einiger Menschen zu liegen nicht nur Seinesgleichen, sondern auch Dinge, Werkzeuge und eben auch Methoden zu missbrauchen. Der natürliche Missbrauch kann durchaus zu einer positiven nachhaltigen Verbesserung führen, oder aber auch genau zum Gegenteil. Ob ein Missbrauch zwangsweise negativ wirkt, erkennen wir an der Folge. Und wie eine Folge bewertet wird, hängt an den Maximen die zu Grunde liegen. Unsere ist zum Beispiel, dass der Nutzen in einem wirtschaftlichen Umfeld größer sein sollte als der Aufwand. Andere habe die Maxime, dass wir immer alles bis ins Detail zu analysieren haben. (Meinung Redaktion: „Genau schauen wo sinnvoll – aber bitte nicht immer und überall – z.B. wenn ein sicherer Zustand schon in höherer Hierarchieebene erreicht wird.) Der Missbrauch hat viele Gesichter. Deshalb gehen wir in den folgenden 3 Artikeln etwas genauer darauf ein. Der eine oder andere erfahrene Moderator wird Situationen aus seiner täglichen Praxis wiedererkennen. Für Euch haben wir entsprechende Argumente gegen den Missbrauch zusammengetragen.
„Unsere Probleme lösen wir mit FMEA“
Missverständnisse und der richtige Einsatz der FMEA
Ein Kunde ruft an und fragt: „Wir haben da ein Qualitätsproblem mit angelieferten Bauteilen und würden gerne eine FMEA machen, um das Problem zu lösen.“ Dieser Gedanke erscheint logisch, denn die FMEA ist weit verbreitet und gilt als bewährtes Werkzeug zur Risikominimierung in der Produkt- und Prozess-Entwicklung. Doch hier liegt ein grundlegendes Missverständnis vor: Die FMEA ist kein Problemlösungstool, sondern ein präventives Werkzeug, das in der Entwicklungsphase zur Anwendung kommt. Warum also wird die FMEA für diesen Zweck missbraucht, und welche Alternativen gibt es, um echte Ursachen zu identifizieren? In diesem Artikel gehen wir auf diese Fragen ein.
FMEA: Entwicklungstool, nicht Problemlösungstool
Die FMEA wurde entwickelt, um in der Planungs- und Entwicklungsphase eines Produkts oder Prozesses potenzielle Fehlerquellen frühzeitig zu identifizieren und zu vermeiden. Ihr Ziel ist es, mögliche Schwachstellen zu identifizieren, bevor diese Schwachstelle im Produkt tatsächlich ein Problem wird. Sie dient dazu, präventiv Maßnahmen zu ergreifen, um die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers und dessen Auswirkungen zu reduzieren. Wenn ein Unternehmen jedoch bereits mit einem bestehenden Problem konfrontiert ist, ist die FMEA nicht das optimale Werkzeug, um die tatsächliche Ursache zu ermitteln und das Problem zu beseitigen.
Das oben genannte Beispiel aus der Praxis „Ein Kunde meldet, dass angelieferte Bauteile nicht den Anforderungen entsprechen und schlägt vor, eine FMEA durchzuführen, um die Ursache zu finden“ zeigt, dass die FMEA als „Wunderwaffe“ wahrgenommen wird, um Probleme jeglicher Art zu beseitigen. Doch diese Anwendung widerspricht dem eigentlichen Zweck der FMEA und führt oft nicht zum gewünschten Resultat, dass dieses Problem gelöst ist.
Der Missbrauch der FMEA
Wenn die FMEA zur Analyse eines bereits aufgetretenen Fehlers herangezogen wird, begehen Unternehmen einen methodischen Fehler. Das Werkzeug kann zwar helfen, mögliche Ursachen zu identifizieren, indem es die Schwachstellen in der Design- oder Prozessauslegung aufzeigt, aber es wird keine exakte Antwort auf die Frage liefern, warum das spezifische Problem aufgetreten ist. Hier ist die FMEA eher hypothetischer Natur, da sie auf Annahmen und präventiven Überlegungen basiert, anstatt auf der Untersuchung realer Vorkommnisse. Die Ursache wiederum dafür liegt aus unserer Erfahrung darin, dass es weit verbreitet ist die verschiedenen Begriffe wie Fehler, Problem, potentielle und tatsächliche Ursache, Beanstandung und complaint nahezu gleichbedeutend nebeneinander zu verwenden.
Dieses Missverständnis führt dazu, dass die FMEA häufig über ihren eigentlichen Anwendungsbereich hinaus genutzt wird – was nicht nur ineffektiv ist, sondern auch wertvolle Zeit und Ressourcen verschwendet. Es gibt jedoch auch noch einen weiteren Grund: Halbwissen über die Möglichkeiten der FMEA und der eigentlichen Problemlösungstools.
Mögliche Ursachen identifizieren – aber die wahre Ursache nicht finden
Trotzdem kann die FMEA indirekt hilfreich sein, um mögliche Ursachen aufzuzeigen, insbesondere wenn eine systematische Fehleranalyse fehlt. Sie kann Bereiche im Design oder Prozess hervorheben, die anfällig für Fehler sind. Dies ist jedoch nur der Anfang. Die tatsächliche Ursache zu finden, erfordert eine detaillierte Analyse und den Einsatz spezifischer Problemlösungstools.
Die FMEA mag also nützliche Hinweise liefern, aber für eine tiefergehende Ursachenanalyse ist sie nicht ausreichend. Hier sollten andere, spezialisierte Methoden eingesetzt werden, die auf die Ermittlung der Grundursache eines bereits eingetretenen Problems abzielen.
Die richtigen Tools für die Ursachenanalyse
Für die Lösung eines bestehenden Problems und die Identifikation der tatsächlichen Ursache sind andere Werkzeuge notwendig. Diese sind darauf ausgelegt, detailliert zu analysieren, warum ein Problem aufgetreten ist und wie es dauerhaft behoben werden kann. Zu den gängigsten und bewährten Problemlösungsmethoden gehören:
- 8D-Prozess: Diese strukturierte Methode zur Problemlösung geht zurück auf die Methoden von Kepner-Tregoe und legt besonderen Wert auf die Ursachenanalyse sowie auf nachhaltige Korrekturmaßnahmen.
- Root Cause Analysis (RCA): Eine systematische Methode, die darauf abzielt, die wahren Ursachen eines Problems durch die Analyse von Daten und Fakten zu identifizieren.
- 5-Why-Methode: Durch das wiederholte Fragen nach dem „Warum?“ wird schrittweise zur Grundursache vorgedrungen.
Fazit: Der richtige Einsatz von FMEA und Problemlösungsmethoden
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die FMEA zweifellos ein mächtiges Werkzeug ist – jedoch nur, wenn sie im richtigen Kontext eingesetzt wird. Sie ist ein präventives Tool für die Produkt- und Prozessentwicklung und sollte nicht für die Lösung bereits bestehender Probleme missbraucht werden. Wenn ein Problem bereits aufgetreten ist, müssen spezifische Methoden verwendet werden, um die tatsächliche Ursache zu ermitteln und geeignete Korrekturmaßnahmen zu ergreifen.
Die korrekte Anwendung der richtigen Tools zur richtigen Zeit ist der Schlüssel, um sowohl präventiv als auch reaktiv erfolgreich zu sein. Unternehmen, die diese Unterscheidung verstehen und anwenden, werden nicht nur effizienter arbeiten, sondern auch die Qualität ihrer Produkte und Prozesse nachhaltig verbessern.


